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"Wie die Blumen wieder auf die Erde kamen" Märchen von Blume und Berg

Neu erzählt von Frederik Mellak
Fotografien von Birgit Dietze-Mellak

Seit 2007 verbringen die Fotografin Birgit Dietze-Mellak und Frederik Mellak jeden Sommer 3 Wochen im Mountain Resort Feuerberg auf der Gerlitzen. Seehöhe : Über 1700 Meter. Ausblick: Beinahe ins Unendliche, die gesamte Südkärntner Bergwelt inklusive der Gipfel der angrenzenden Nachbarländer. Auf unzähligen Märchenwanderungen zu jeder Tageszeit und kreative Fotoexkursionen hat Frederik einen Schatz an Märchen zusammengetragen, die von Blumen und Bergen erzählen: Von geheimnisvollen Blumen, die man, wenn alle guten Kräfte mitspielen, hoch auf den Bergen geschenkt bekommt Berge verbinden den Lebensraum der Menschen mit der grenzenlosen Weite des Himmels. Sie ermöglichen uns Erfahrungen von Aufstieg, Kühnheit, Klarheit und Weitsicht. Blumen spiegeln in ihrer Strahlkraft die Sonne, das Licht, das belebend und fruchtbringend in die Materie hinabsteigt. In ihren Formen und Farben werden geheimnisvolle Wirkkräfte sichtbar, die zu heilen und zu erfreuen vermögen. Die Fotografien von Birgit lassen diesen Zauber der Blumen erahnen. Wenn sich Blume und Berg verbinden, entsteht Ganzheit Die Märchen im vorliegenden Buch erzählen von der Suche nach dieser Ganzheit.


Leseprobe:

Die Frau Chrysantheme

Chinesisches Märchen

Der kleine Tin Schan Liang hatte keinen Vater und keine Mutter mehr. Er lebte in einer armseligen Hütte am Fuße des Berges Wu Thaj Schan. Wu Thaj Schan ist einer der fünf heiligen Berge Chinas und ragt mit rauen, zerklüfteten Felswänden steil in Schwindel erregende Höhen empor.
Der Bub hatte nur ein ärmliches Gewand und wusste nicht mehr, wie Töpfe aussehen, aus denen der Duft warmer Speisen aufsteigt.
An dem Berg stand auch ein Kloster. Dort half Tin Schan Liang den Mönchen bei der Arbeit. Aber die Mönche waren geizig und gaben ihm gerade so viel Lohn, dass er nicht verhungern musste.
Auf dem Berg Wu Thaj Schan wuchsen seltene Kräuter und Blumen. Das Seltsamste aber, das auf dem Berg wuchs, war eine weiße Chrysantheme. Wenn die Menschen an dunklen Abenden unheimliche Geschichten erzählten, so kam die Rede auch auf die böse Herrscherin des Berges Wu Thaj Schan, die weiße Chrysantheme.
„Sie erfüllt die Menschen mit unbezwingbarer Sehnsucht“, so hieß es. „ Aber nur wenige, die den Berg hinaufzuklettern versuchen, kommen lebend am Gipfel an. Und es ist nicht sicher, dass diese besonders Mutigen auch heil zurückkehren. Sie stürzt die Menschen ins Verderben.“
Eines Tages lag Tin Schan Liang vor seinem Häuschen auf der Wiese und schaute zur Spitze des Berges hinauf. Mit einem Male überkam ihn solche Sehnsucht nach der weißen Chrysantheme, dass er tief seufzen musste. Am nächsten Morgen stieg er den steilen Berg hinauf und wollte sie suchen. Plötzlich kam Wind auf, ein heftiger Regenguss ging nieder und Tin kauerte sich unter einen großen Felsen. Er kam sich sehr verlassen vor, und als das Unwetter sich verzog, wollte er wieder absteigen. Da war ihm, als winkte die weiße Blume von der Spitze des Berges, und in durchnässten Kleidern setzte er seinen Aufstieg fort. Erschöpft stand er schließlich auf dem Gipfel und sah die weiße Chrysantheme vor sich. Ihre Blüte war größer als die einer Pfingstrose und weißer als frisch gefallener Schnee. Die Luft war erfüllt von einem berauschenden Duft. Mit klopfendem Herzen kniete Tin nieder und bat: „Weiße Chrysantheme, Herrscherin des Berges Wu Thaj Schan. Ich weiß, du besitzt Zauberkräfte. Hilf mir armem Waisenkind.“
Die Blüte schwankte hin und her, als würde sie ihn verstehen. Zufrieden kehrte Tin Schan Liang in seine Hütte zurück, legte sich neben den kleinen Ofen und schlief ein. Mitten in der Nacht erwachte er. Es war dunkel ringsum, doch in der Hütte verbreitete sich ein silberheller Schein. Darin stand eine schöne Frau in weißem Gewand. Tin glaubte zu träumen, aber die schöne Frau lächelte und sprach:
„Ich bin die Frau Chrysantheme, die Herrscherin des Berges Wu Thaj Schan. Du bist der erste Mensch, der mich auf dem Gipfel gefunden hat. Darum werde ich dir helfen. Jetzt schlafe, aber morgen komm wieder zu mir.“ Schon war es wieder dunkel, doch als er am Morgen erwachte, sah er sich erstaunt in seiner Hütte um. Sie war rein und aufgeräumt, auf dem Herd standen dampfende Töpfe und auf dem Tisch kleine Schüsseln mit köstlichen Speisen.
„Also war es kein Traum!“, freute sich Tin Schan Liang, aß mit Genuss und machte sich wieder auf den Weg. In der Nacht war Schnee gefallen und weit und breit glänzte alles wie Silber. Tin jedoch hatte nur Augen für den Gipfel und kletterte bis zur höchsten Spitze hinauf.
Da stand er wieder vor der weißen Chrysantheme.
„Ich bin gekommen, mächtige Herrscherin des Berges Wu Thaj Schan, so wie du mich gerufen hast.“
„Das ist gut“, sprach da die Chrysantheme. „Ich will dir helfen. Aber zuvor musst du mir behilflich sein.“
„Wie könnte ich armer Waisenbub dir behilflich sein?“, wunderte sich Tin.
„Du hältst mich für mächtig, und doch ist es mir nicht möglich, mich weit von hier zu entfernen. Gerade mal bis zu deiner Hütte kann ich gelangen, dann muss ich wieder umkehren. So lange schon warte ich auf einen Menschen, der mich aus diesem Felsen befreit.“
„Das kann doch nicht so schwer sein“, meinte der Bub. Er bückte sich zu der weißen Chrysantheme hinunter und erschrak. Er sah, dass sie ganz und gar von dem Felsen eingeschlossen war, einem harten, glatten Felsen, in dem auch nicht die kleinste Ritze zu entdecken war.
„Oh, das wusste ich nicht“, sagte Tin Schan Liang traurig. „Wenn ich den Stein zerschlage, wäre es auch um dich geschehen.“…………………….