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„Lebensquellen“ Märchen vom Wasser und seinen Wesen

Neu erzählt von Frederik Frans Mellak
Grafiken: Birgit Dietze-Mellak

„Des Wassers Güte ist, den 10.000 Wesen anspruchslos zu helfen“, so schrieb Lao Tse vor mehr als 2500 Jahren. Wasser belebt, erfrischt und reinigt, es heilt und verwandelt, es löst und befreit und: „Wasser ist die Tür in die Welt unserer Vorstellungskraft“ Frederik Mellak hat in seinem Buch eine fein sortierte Auswahl an Geschichten aus der weltweiten Märchentradition zusammengetragen, in denen Wasser und Wasserwesen eine wichtige Rolle spielen. Die Grafiken der Fotografin und Malerin Birgit Dietze-Mellak verarbeiten intensive Naturbeobachtungen zu eigenständigen künstlerischen Arbeiten.


Leseprobe:

Der Herr der Quellen

In einem kleinen armenischen Dorf lebte einst ein armer Bursche, der hieß Michael. Zusammen mit seiner Mutter wohnte er in einer armseligen Hütte am Fuße des Kaukasusgebirges. Ihre Felder waren von Steinen übersät. So wollte nichts Rechtes darauf gedeihen, und die Not war ihr ständiger Gast.
Eines Tages sagte Michael zu seiner Mutter: „Liebe Mutter, so kann es nicht mehr weitergehen. Lass mich in die Welt hinausziehen. Ich bin jung und stark und weiß meine Hände zu gebrauchen. Wenn ich eine Arbeit finde, kann ich Geld verdienen, und uns beiden wird geholfen sein. Hier kommen wir zu nichts und du hast einen Esser weniger.“
Die Mutter wollte erst nichts davon hören und weinte und klagte, aber als sie sah, dass ihr Sohn sich von seinem Vorhaben nicht abbringen ließ, willigte sie ein. Von dem letzten Mehl, das sie besaß, backte sie ihm einen Fladen als Wegzehrung und gab ihm ihren Segen zum Abschied.
Am frühen Morgen, kaum dass die Sonne hinter den Bergen hervorschaute, war Michael schon auf den Beinen. Er wanderte den ganzen Tag, wohin ihn die Augen führten und die Füße trugen. Den Fladen hatte er längst verzehrt, und als die Sonne unterging, hatte er weder eine Behausung gefunden noch einen Menschen getroffen. Die Felsen um ihn herum wurden immer drohender und gewaltiger und rückten so eng zusammen, dass er sich zu fürchten begann. Schließlich setzte er sich ins Gras, um auszuruhen. Da sah er einen Hirten mit einer Schafherde auf sich zukommen. Beim ihm angekommen, ließ sich auch der Hirte im Gras nieder und begann ein Gespräch: „Woher kommst du? Wohin gehst du?“
„Ach“, antwortete Michael, „die Not zu Hause hat mich vertrieben, und nun suche ich einen Herrn, bei dem ich in Dienst gehen und Geld verdienen kann.“
„Hier in den Bergen willst du einen Dienst finden?“, fragte der Hirte. „Das wird schwer sein. Schau dich doch um. Weit und breit nichts als Felsen. Das nächste Dorf ist weit entfernt, und dort ist es auch nicht anders als bei euch zu Hause, da wirst du dein Glück nicht machen. Aber warte, vielleicht weiß ich Rat. Nicht weit von hier liegt ein Tal, und in dem Tal ist eine Quelle. Dort wohnt der Herr der Quellen. Er ist der gute Geist aller Wasser, und auch den Menschen hilft er in der Not. Vielleicht nimmt er dich in seinen Dienst.“
Michael wollte sich gleich auf den Weg machen. „Nicht so eilig, mein Bursche“, hielt ihn der Hirte zurück. „ Die Dämmerung zieht schon herauf, und du könntest dich verirren. Nicht weit von hier steht meine Hütte, dort kannst du die Nacht verbringen. Etwas Käse findet sich gewiss, und morgen frühe zeige ich dir den Weg.“
Der Bursche nahm die Einladung an und folgte dem Hirten zu seiner Hütte. Dort bekam er ein Stück Käse und etwas Milch, und am Morgen führte ihn der Hirte zu einem Tal, in dem ein Wildbach rauschte. „Geh immer diesen Bachlauf entlang“, erklärte er, „dann wirst du zu der Quelle gelangen.“ Michael dankte dem Hirten, verabschiedete sich und stieg höher und höher in die Berge hinauf.
Das Plätschern des Baches begleitete seinen Weg, bis er zu einer Wiese kam, so saftig und grün, wie er noch keine gesehen hatte. Sie war über und über mit goldgelben Krokussen und duftenden Hyazinthentrauben bewachsen. Inmitten dieser Pracht sprudelte eine klare Quelle aus der Erde. Der blaue Himmel, die weißen Wolken und die silbern schimmernden Berggipfel spiegelten sich darin. Michael kniete neben der Quelle nieder, schöpfte Wasser mit der hohlen Hand und trank daraus. Plötzlich erschrak er, denn die Quelle trübte sich und ein bärtiger Kopf tauchte aus ihr herauf.
„Wer stört meine Ruhe?“ fragte eine tiefe Stimme.
Michael brachte kaum ein Wort hervor: „Verzeih, ich wollte dich nicht stören- Aber ich habe gehört, dass du den Menschen hilfst. Bitte hilf auch mir!“
Da zog ein Lächeln über das Gesicht des Herrn der Quellen und er fragte: „Wer bist du, Jüngling, und welche Hilfe begehrst du von mir?“
Michael verlor seine Furcht und erzählte von seiner Mutter und der Not, in der sie beide lebten. Dann bat er: „Nimm mich in deinen Dienst.“
„Darüber lässt sich reden………………………